Bericht über das Symposium „Kulturerbe Siebenbürgische Kirchenburgenlandschaft“


Besetzt mit hochkarätigen Referenten und einem interessierten Fachpublikum fand die Erstveranstaltung der Symposiumsreihe vom 04. – 06. Mai 2018 in äußerst gepflegter Atmosphäre in Berlin statt. Die Tagung wurde vom Verband der Restauratoren in fachlicher Kooperation mit der Stiftung Kirchenburgen (RO) und dem Verein Kulturerbe Kirchenburgen e.V. (DE) organisiert und durch die Deutsche Bundesstiftung Umwelt und die Botschaft von Rumänien in der Bundesrepublik Deutschland gefördert. Für ein Highlight sorgte der Empfang in der Botschaft von Rumänien, nicht allein wegen der Gastfreundlichkeit und des genussvollen Buffets, sondern vor allem wegen der Herzlichkeit und Überzeugungskraft, mit der seine Excellenz Botschafter  S.E. Dr. h.c. Emil Hurezeanu den Erhalt des siebenbürgisch-sächsischen Kulturerbes befürwortet.

Den Auftakt des Symposiums läutete Prof. Dr. Konrad Gündisch ein. Eindrucksvoll führte er die Teilnehmer durch ein Portal „Zur Siedlungs- und Verteidigungsgeschichte Siebenbürgens“, um die Anfänge notwendiger Verteidigungsstrategien und -systeme zu skizzieren, die den Bau einzigartiger Wehrkirchenanlagen in Siebenbürgen zur Folge hatten.

Heute sind viele der siebenbürgisch-sächsischen Kirchenburgen, umarmt von urtümlicher Natur und einer historischen Dorfstruktur, dem Verfall sehr nahe. Diese prekäre Tatsache des Verlustes von kunst- und kulturhistorischem Erbe wurde zum Dreh- und Angelpunkt beinahe aller Vorträge. Mit aktuellen Zahlen und Fakten ihrer Forschungsergebnisse untermauerten die Referenten die akute Situation vor Ort. Völlig einhergehend mit der Thematik des fortschreitenden Verfalls dominierte die brisante Notwendigkeit, pointierte Lösungsansätze für diese bedrohten Baudenkmäler zu schaffen, um sie als hochbedeutende Wahrzeichen zu bewahren.

An diesen Grundtenor knüpften auch die klaren Worte des Architekten Dr. Liviu Alexander Gligor an: Das Pendant der früheren Bedrohung, der Belagerung oder Brände durch fremde Heere, stellt heute eindeutig das personelle und materielle Unvermögen hinsichtlich Pflege und Erhalt der Kirchenburgen dar. Diesen Aspekt griffen auch Sebastian Bethge und Philipp Harfmann, von der Stiftung Kirchenburgen, in ihren Vorträgen über den Stand der Denkmalpflege und die Rolle der Stiftung auf. Gemäß Einschätzungen sind von 266 Kirchen und Kirchenburgen rund ein Drittel mehr oder weniger stark einsturzgefährdet, während für über die Hälfte der Objekte eine adäquate Denkmalpflege fehlt. Die Stiftung Kirchenburgen ist im Sinne einer Leitstelle erster Ansprechpartner für zahlreiche Akteure, die am Erhalt der Kirchenburgen mitwirken und koordiniert laufende Initiativen. Intensiver beleuchtete Prof. Christoph Machat die Denkmalpflege mit dem Perspektivwechsel: „Denkmalschutz und Denkmalpflege in Rumänien früher und heute“. Geprägt von der Wende, dem Umdenken vom staatlichen zum privatwirtschaftlichen Aspekt, sowie der Entwicklung der rumänischen Zivilgesellschaft ist die Denkmalpflege heute mit den bürokratischen Regeln des Denkmalschutzgesetzes fest verankert. Dieses schließt den engagierten, privaten Akteur keineswegs aus sofern er alles befolgt, kann er seiner Rolle gerecht werden.

Das thematische Angebot erweiterte Prof. Dr. Ioan Marian Țiplic mit seinem Vortrag über das „Architektonischen Sakralbauerbe“ und gewährte Einblicke auf archäologische Untersuchungen. Während sich früher archäologische Ansätze öfters durch kleinere Sondierungen im Verlauf der Konservierungsarbeiten ergaben, wurden im Laufe der Zeit immer mehr archäologischen Untersuchungen an Sakralbauen durchgeführt, allerdings fanden umfangreichere archäologische Forschungen eher vereinzelt statt (Bergkirche Schäßburg, Marienburg Kirche, Schwarze Kirche, Stadtpfarrkirche Hermannstadt). Aktuell werden archäologischen Untersuchungen nicht länger unkoordiniert, sondern auf der Ebene einer zentralen Projektleitung in koordinierter Weise durchgeführt.

Die Tiefe der Materialzusammensetzung des historischen Baudenkmals, verdeutlichte Dr. Márta-Julia Guttmann in ihrem Vortrag über physikalisch-chemischen Analysen in der Forschung, Konservierung und Restaurierung. Für ein besseres Verständnis der Baukonstruktion, der Steuerung des Mikroklimas und der Stabilität spielen die Analysen der künstlerischen Bestandteile (Baustoffe, Gesteinsarten, Mörtel, Verputze, Bindemittel etc.) eine tragende Rolle. Hierfür gibt es momentan sehr wenige spezialisierte Fachleute. Obwohl Eingriffe an Denkmälern Analysen vorsehen, findet dieses nur sporadisch statt, zudem fehlt oft das Budget. Es gibt in Bukarest ein mobiles Labor zur Nutzung optoelektronischer Methoden in der Restaurierung, wodurch einige interessante Studien erfolgt sind.

In einer kritischen Analyse bezüglich Konservierungsarbeiten thematisierte Prof. Dr. Dan Mohanu den Erhalt der Authentizität von historischen Baudenkmälern anhand von zwei Fallbeispielen in Schäßburg, der Bergkirche und des Hauses mit dem Hirschgeweih. Die Spuren der Veränderung der historischen Wandoberfläche über Zeitetappen hinweg, von einfachen Verputzen bis hin zu Malereien, werden oftmals geopfert, wobei oft wichtige Zeitzeugnisse verloren gehen.

Mit gleicher Empathie und Urteilssicherheit verdeutlichte Restaurator Lorand Kiss die besondere Wertschätzung der Wandmalerei als wichtiges Kulturerbe in der evangelischen Kirche Siebenbürgens. Aufgrund seiner langjährigen Erfahrung und zahlreichen Eingriffen im Bereich Konservierung und Restaurierung von Wandmalereien betonte er mit Nachdruck, dass die Mindesteingriffe zur Instandhaltung regelmäßig, sowie die unerlässliche Notkonservierung strikt durchgeführt werden müssen, um weitere Beschädigungen von Wandmalereien zu vermeiden. Um die Zusammenarbeit unter den Akteuren effizienter zu gestalten, sprach sich Kiss für Sinn und Zweck einer zugänglichen digitalen Datenbank mit allen erfassbaren Daten und Ergebnissen aus.

Einen ausführlichen Blick hinter die Kulissen, wie innovative und interdisziplinäre Denkmalpflege erfolgreich angewandt wird, konnten die Teilnehmer anhand des Vortrages „Kirchenburg Birthälm – beispielhafte Instandsetzung unter Beachtung von Naturschutzzielen“ von Architekt Jan Hülsemann werfen. Wie der Titel schon verrät, lagen die Schwerpunkte dieses ambitionierten Projekts, neben allgemeinen Sicherungs- und Instandsetzungsmaßnahmen, additiv bei der naturverträglichen Instandsetzung der Ringmauern, der statischen Sicherung und Instandsetzung, der Sicherung und Konservierung von wertvollem Kulturgut und auch bei der Verbesserung des Angebotes für Besucher. Der recht neue Ansatz, Denkmal- und Naturschutz in einem Projekt miteinander zu verbinden, sorgte für einen weiteren Impuls, der für die Umsetzung ähnlicher Restaurierungen, insbesondere der Ringmauern als beispielhaft gelten kann.

Die Kirchenburg in Birthälm war auch Schauplatz der Restaurierungsgeschichte der Epitaphien. Diplom-Restauratorin Henriette Lemnitz stellte die Konservierung und Restaurierung der steinernen Epitaphien und Gedenktafeln mehrerer Birthälmer Bischöfe und Pfarrherren in den Mittelpunkt ihres reich bebilderten Vortrages. Dabei führte sie die Teilnehmer auf einen Streifzug durch Stein- Salz- und Feuchteuntersuchungen, sowie Analysen von Mörtel und Farben. Gleichzeitig wurden lehrreiche Einblicke in die Schwierigkeiten und Herausforderungen, sowohl beim Ausbau als auch während des Konservierungsprozesses der teilweise stark geschädigten Epitaphien, gewährt.

Den Blick auf die wertvolle Innenausstattung siebenbürgisch-sächsischen Kirchenburgen gerichtet, erläuterte Restaurator Mihaly Ferenc seine Beobachtungen an vorreformatorischen Flügelaltären und Gestühlen. Eine Vielzahl unterschiedlicher Gegenstände bedingen zwar eine kirchentypische Atmosphäre, doch der unverwechselbare sakrale Charakter einer Kirchenburg ist in Kunstwerken, wie Chorgestühle, Kirchenbänken, Emporen Brüstungen und bemalten Kassettendecken, zu finden. Diese sind wegen ihrer organischen Beschaffenheit und durch mangelnde Pflege verstärkt gefährdet. Durch Fallbeispiele verdeutlichte Ferenc die Komplexität der notwendigen Aufgaben und Pflichten für Maßnahmen der Notkonservierung. In die Reihe der kunsthistorischen Kostbarkeiten gesellten sich auch die überaus wertvollen Flügelaltäre, denen Dr. Cristina Serendan ihren Vortrag „Die Verwendung von Blattmetall an Flügelaltären in Siebenbürgen von der Spätgotik bis hin zur Frührenaissance“ widmete. Äußerst spannend wurden bemerkenswerte Untersuchungstechniken präsentiert, die eine Identifizierung der Struktur und Zusammensetzung der Malschicht einschließlich der Applikationstechniken von Edelmetallen ermöglichen. Aus den ausgewerteten Daten lassen sich über die „technischen Fingerabdrücke“ der Künstler „Landkarten“ auf Basis der Edelmetallverwendung in der Malerei an siebenbürgischen Flügelaltären zusammenfügen.

Wie bedeutend und wertvoll das Inventar, ebenso die Holzausstattung mehrerer Kirchenburgen Siebenbürgens sind, resultierte aus Dr. Dipl. Rest. Ralf Buchholz Vortrag „Ein feste Burg…“ der über das 15-jährige Engagement der HAWK Hildesheim zur Bewahrung des hölzernen Inventars informierte. Im Zuge vieler Restaurierungskampagnen wurden spätmittelalterliche Stollentruhen oder spätgotische Chorgestühle gerettet, erforscht, konserviert, restauriert und die Ergebnisse publiziert. Trotz der bedeutsamen Datensammlung über viele Intarsien und Flachschnittmöbel für Vergleichsstudien und der damit korrelierenden Entwicklung von Konzepten für Werkstätten zum Zwecke der Inventarisierung, Konservierung und Restaurierung, verursachte der meist unsachgemäße Umgang mit der Holzausstattung ein Überdenken des restauratorischen Handelns und der Lösungsansätze.

Eine Neuorientierung der Arbeits- und Entwicklungsstrategien thematisierte auch Architekt Eugen Vaida, Präsident der „Asociatia Monumentum“ fokussiert auf den historischen Baubestand der sächsischen Dörfer. Während die Symbiose „Kirchenburg und sächsisches Dorf“ hinsichtlich ihrer Konservierung, Aufwertung, Förderung und Nutzung unterschiedliche Probleme erkennen lässt, die unterschiedliche Lösungs- und Eingriffsmethoden erforderlich machen, ist der akute Fachkräftemangel ein zusätzlicher Grund zur Sorge. Aktuell werden im „Proiectul integrat DAIA“ in Denndorf mehr als 60 Eingriffe an Gebäuden verzeichnet, doch der Baubestand der sächsischen Dörfer umfasst mehr als 40.000 Gebäude. Infolge der Diskrepanz zwischen geringen Humanressourcen und der großen Anzahl an Baudenkmälern, spielt das Ehrenamt aktuell eine Schlüsselrolle beim Erhalt der Gebäude. Mit dem ehrenamtlichen Projekt „Ambulanta pentru Monumente“, setzt sich Vaida mit seinem Team bereits erfolgreich für die Notsicherung akut gefährdeter Gebäuden ein.

Wie sich gesellschaftliche Wiederbelebungs- und Restaurierungsprojekte erfolgreich verwirklichen lassen, veranschaulichte Caroline Fernolend, Vizepräsidentin des Mihai Eminescu Trust, am Beispiel Almen. Die Stiftung fördert seit 2009 die Einheimischen bei verschiedenen Restaurierungsprojekten und unterstützt die Bevölkerung, unter Nutzung des eigenen Kräftepotentials und einheimischen Ressourcen, ihr Kultur- Natur- und soziales Erbe bestmöglich aufzuwerten. 2015 hat die Stiftung gemeinsam mit dem Norwegischen Institut zur Erforschung des Kulturerbes den Startschuss für das Projekt „Zentrum zur Interpretation der traditionellen Kultur Almen“ gesetzt. Neben der Sanierung der Kirchenburganlage bildet die kulturelle und wirtschaftliche Entwicklung der Dorfgemeinschaft das Herzstück dieses Projekts.

Die Wiederbelebung des Dorfes auf ökologiescher Ebene, sowie als soziales Zentrum stellte auch Landschaftsarchitekt Jonas Arndt vom Verein Churchfortress e. V. an vorderste Stelle. Im Zusammenschluss mit mehreren europäischen Landschaftsarchitekten engagiert sich der junge Verein in dem Dorf Hundertbücheln. Mit innovativen Ideen setzt sich das Team zielstrebig für den Erhalt des einzigartigen architektonischen Erbes und den damit verbundenen prägenden, landschaftlichen Elementen ein. Dabei wird die Bevölkerung über den Kulturlandschaftsschutz umfassend informiert und beim Aufbau lokaler Initiativen zur ökologischen Belebung aktiv unterstützt. Den Schutz der Kulturlandschaft betonte auch Prof. Dr. habil. Anca Hanna Derer in ihrem Vortrag „Kirchenburg als identitätsstiftende Architektur“. Die meisten Kirchenburgen gehören in ihrer Eigenschaft als Wehranlage zum Baukulturerbe und wurden bereits in die Denkmalliste eingetragen. Daraus ergaben sich die UNESCO-Dörfer mit Kirchenburgen in Siebenbürgen, die aus sieben ländlichen Ortschaften bestehen und auf fünf Landkreise verteilt sind. Als eigenes UNESCO Weltkulturerbe Thema, „Dörfer mit Kirchenburgen“ behandelte Iozefina Postavaru vom National Institute for heritage (INP) diese Aspekte intensiver. Sie umriss die Komplexität der zu erfüllenden Aufgaben zum Schutz und der Verwaltung eines UNESCO-Standortes, die ohne Abstimmung aufgrund der Distanz zwischen den Standorten und deren Infrastruktur fast unlösbar wären. Deshalb sollte für den Erhalt des Kulturerbes Rumäniens – als Teil des Weltkulturerbes – die vernetzte Koordination von Schutz und Verwaltung, als hilfreich und notwendig betrachtet und von Regierungs- und Nichtregierungsorganisationen übernommen werden.

Mit der Podiumsdiskussion, in der Themen zur Erhaltung von Landschaft und Biodiversität, Strategien, Koordinierung, Finanzierung zur Bauwerkserhaltung, Bildungsangebot und die Zusammenarbeit nationaler und internationalen Vereinigungen zur Sprache kamen, fand die Konferenz ihren krönenden Abschluss. Zum Erfolg der Veranstaltung beigetragen haben in jeder Hinsicht die Moderation, die Diplom-Restaurator Sven Taubert souverän und authentisch lenkte, sowie die professionelle Simultanübersetzung der Dolmetscherinnen Mirela Kulin und Christiana Kaffer-Popescu.
Am Vormittag des dritten Tages trafen sich interessierte Teilnehmer zu einer Diskussion am Runden Tisch und setzten sich insbesondere mit der Zusammenarbeit und Vernetzung auseinander, einem wichtigen Thema, das weit über die Konferenz hinaus an Brisanz zunehmen muss, um Erfolge beim Erhalt der Kirchenburgen in Siebenbürgen zu erzielen.

Die aus Deutschland und Rumänien stammenden Referenten sind zweifelsohne Koryphäen auf ihrem Gebiet. Jenseits ihres professionellen Dozierens beeindruckten sie durch ihre Passion, die sie für das siebenbürgisch-sächsische Kulturerbe verbindend in sich tragen, während der Tagung spürbar auslebten und beherzt an das Fachpublikum weiterreichten.

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