2. Online-Fachvortrag – 3D Visualisierungstechniken in Kunst, Kultur und Architektur


3-D Visualisierung Burg Brattenstein vor 1971 2. Online Vortrag Kulturerbe Kirchenburgen e.V.
Burg Brattenstein, Röttingen vor 1971; © Stefan Sauer

Die 2021 neu ins Leben gerufene Veranstaltungsserie „Online-Fachvorträge“ des Vereins Kulturerbe Kirchenburgen e. V. lädt seine Mitglieder und Freunde einmal monatlich zu einem kostenfreien und fesselnden Referat über die vielfältigsten Themeninhalte mit Bezug zu den sächsischen Kirchenburgen in Siebenbürgen ein.

Nachdem Restaurator Lóránd Kiss die Online-Zuschauer im Februar auf eine virtuelle Reise durch die erstaunliche Fresken-Welt der evangelischen Kirche in Schmiegen (Şmig/Somogyon) entführte, wurde es einen Monat später deutlicher abstrakter.

Mit Stefan Sauer, Dozent für Geovisualisierung an der Fachhochschule Würzburg-Schweinfurt, gestaltete ein absoluter Experte auf dem Gebiet der 3-D-Technologien die kurzweilige Abendveranstaltung. Dementsprechend lautete der vielversprechende Titel des Vortrags „3-D Visualisierung, Panorama-Anwendungen, interaktive AR und VR Anwendungen für historische Bauwerke“.

Unter der Fragestellung „Welche Möglichkeiten bieten moderne Visualisierungstechniken zeitgeschichtliche Hintergründe auf unterschiedliche, interaktive und moderne Art und Weise zu vermitteln?“ präsentierte Diplom-Ingenieur (FH) Stefan Sauer ein halbes Dutzend ganz unterschiedlicher Vorgehensweisen, die er anhand ausgesuchter Projekte beispielhaft illustrierte.

3-D Visualisierung, 3-D Druck und Panorama-Anwendungen für historische Bauwerke

Zu den einfacheren dreidimensionalen Methoden gehört die 3-D Visualisierung als Einzelbild. Sie eignet sich besonders zur vergleichenden Darstellung eines Gebäudes über mehrere Zeitebenen als auch in unterschiedlichen Varianten vom selben Blickpunkt aus. Dabei können sowohl das gebaute Objekt selbst als auch sein Umfeld bzw. seine Umwelt in einen x-beliebigen historischen Zustand zurück- oder alternativ in ein futuristisches Szenario hineinversetzt werden. 

Möchte man die bildliche Transformation um eine taktile Erfahrung bereichern, sind 3-D Druckmodelle das Naheliegendste. Das zeitliche als auch technische Investment gestaltet sich hier schon wesentlich umfangreicher, insbesondere wenn das gebaute Kulturerbe nicht mehr existiert. Dennoch gelang es Stefan Sauer auf Wunsch des Jüdischen Museums in Fürth, den in der Reichspogromnacht am 9. November 1938 komplett niedergebrannten Synagogenhof als dreidimensionales Modell in verkleinertem Maßstab wieder auferstehen zu lassen.

Die besondere Herausforderung lag dabei im Katalogisieren und Auswerten historischer Dokumente, die nur noch in Form von alten Fotografien oder Stichen vorlagen. Im nächsten Schritt hieß es das zusammengetragene Datenmaterial in eine dreidimensionale Grafik umzusetzen, um den Synagogenhof anschließend als 3-D Druck wiederaufleben zu lassen. Dabei standen dem Auftraggeber diverse Option zum Detaillierungsgrad als auch der Ausgestaltung des Modells (z. B. mit abnehmbaren Gebäuden) zur Auswahl.

Zusätzlich zum im Museum ausgestellten 3-D Modell kreierte Stefan Sauer eine Panoramaversion. Damit kann nun jedermann auch zu Hause vor dem Bildschirm über die digitale Rekonstruktion des ehemaligen Fürther Schulhofs spazieren, indem man im Browser das virtuell erstellte Panoramen lädt und dann von einem zum nächsten Panorama navigiert.

Panoramaanwendung Jüdischer Schulhof Fürth; © Stefan Sauer

Interaktive Virtual Reality- und Augmented Reality-Anwendungen

Das Nonplusultra in Sachen interaktive Technologie heißt derzeit Virtual Reality. Diese künstlich geschaffene Wirklichkeit bietet mit Sicherheit die realste 3-D-Erlebniswelt. Hier ist man mittendrin statt nur dabei. Anhand der ebenfalls für das Jüdische Museum in Fürth geschaffenen Dauerinstallation erläuterte der leidenschaftliche 3-D-Dozent die unbegrenzten audiovisuellen Möglichkeiten, die in eine VR-Anwendung integriert werden können.

Mit einem Klick auf auswählbare Infopunkte in der virtuell wiederhergestellten Hauptsynagoge Altschul kann sich der Anwender weitere Hinweise zu bestimmten Gegenständen in Form von Texten, Videoausschnitten oder Bildern anzeigen lassen. Selbst eine musikalische Untermalung wäre denkbar.

Zweifelsohne erfordert dieses komplexe Simulationssystem eine spezielle Hard- und Software-Ausrüstung, VR-Brillen miteingeschlossen. Ein finanziell nicht ganz unwesentlicher Faktor, der das VR-Abenteuer als Angebot für Besuchergruppen erheblich limitiert.

Einen anderen Ansatz verfolgt die Augmented Reality, kurz AR.
Hierbei bewegt sich der Anwender in seiner realen Umgebung, die mit digitalen Inhalten erweitert wird. In der Regel beschränkt sich die computergestützte Ergänzung der Realität auf visuelle, manchmal auch auditive Informationen. Um die Funktionalitäten und den Zusatznutzen der Augmented Reality speziell für historische Gebäude, Plätze oder die Tourismusbranche zu erläutern, stellte Stefan Sauer das Projekt DenkOrt Deportationen Würzburg vor.

AR-Anwendung „Denkort Deportationen“; © Stefan Sauer

Dank einer AR-App ist die Gedenkstätte für die jüdischen NS-Opfer Unterfrankens zu einem partizipativen Denkmal im öffentlichen Raum geworden. Ganz ohne Führung, dafür aber mit Unterstützung eines Smartphones oder Tablets, kann nun jeder Interessierte aus der Vielzahl an virtuellen Angeboten mehr über die ausgestellten Exponate erfahren. Als Bild-Marker zum Abruf der Texte, Zeitzeugenaussagen, Fotos oder Videos dienen die einzelnen Stelen des Denkmal-Ensembles.

Storymaps zur virtuellen Stadtführung

Als weitere interessante Alternative, um die Neugier für kulturelle und historische Themen zu wecken, empfiehlt sich die Storymap. Bei der Kombination aus einer Kartenanwendung und einer zu erzählenden Geschichte steht allerdings nicht ein einzelnes Gebäude oder ein Denkmal im Fokus. Vielmehr geht es um einen interaktiven Stadtrundgang, der sowohl auf die Lebensstationen einer berühmten Person oder ein bestimmtes Thema ausgelegt sein kann.

Die WebApp für Smartphones lotst dabei nicht nur wie ein GPS-Gerät durch die Stadt, in dem es festgelegte Haltepunkte ansteuert, sondern liefert gleichzeitig nützliches Wissen. „Wissen, das in Vergessenheit gerät oder womöglich in alten Büchern verstaubt“, so Stefan Sauer zum Abschluss seiner Präsentation, die beachtliche Anerkennung fand. Denn trotz des anspruchsvollen technischen Themas gelang es dem Diplom-Ingenieur mit Lehrauftrag, die Inhalte seines Referats durch zahlreiche konkrete Anwendungsbeispiele anschaulich und leicht verständlich zu vermitteln.

Innovative Visualisierungstechniken als Chance für die Kirchenburgen?

Angesichts der breiten Auswahl an modernen 3-D-Methoden entspann sich in der Online-Runde eine angeregte Diskussion zur Anwendung im Hinblick auf die Kirchenburgen. Es herrschte Einigkeit darüber, dass man sich im Vorfeld mit den entscheidenden Fragen zur Zielgruppe, zum Zweck der Visualisierung und der technischen Infrastruktur auseinandersetzen muss. Daneben gehören auch der Kostenumfang und Wartungsaufwand zu den mitentscheidenden Kriterien.

Grundsätzlich aber würde jede der vorgestellten Visualisierungstechniken frischen Wind in das siebenbürgisch-sächsische Kulturerbe bringen. Unter dem Motto Rekonstruktion und Interaktion wären sie Bereicherung und Chance zugleich. Einerseits kann der Vor-Ort-Besuch attraktiver gestaltet und andererseits die Kirchenburgen auch aus der Ferne erlebbar gemacht werden. Ein wichtiger Aspekt, um das Interesse der breiten Öffentlichkeit oder potenzieller Sponsoren auf die bedrohten Kulturgüter zu lenken.

Nicht zu unterschätzen ist die Hilfestellung virtueller Anwendungen angesichts der zunehmenden Anzahl an Kirchenburgenhüter, die keinen ethnischen, kulturellen oder gar sprachlichen Bezug zum historischen Gebäude besitzen. Die meisten sind zwar dankenswerterweise freiwillige Schlüsselverwalter, aber keine siebenbürgisch-sächsischen Geschichtenerzähler. Hier könnten insbesondere die AR- oder Web-Apps einen wertvollen Beitrag gegen das Vergessen leisten.  

Insofern werden die zukunftsweisenden Techniken beim Verein Kulturerbe Kirchenburgen e. V. im Gespräch bleiben. Allein schon, um Wissen zu konservieren und allgemein zugänglich zu machen, damit diese einmalige Geschichte der Kirchenburgen und der Siebenbürger Sachsen der Nachwelt erhalten bleibt.


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